Wesentliche Aspekte der Yoga-Tradition, die durch Śri T.K.V. Desikachar und dessen Lehrer und Vater Śri T. Krishnamacharya geprägt wurden:

1. Yoga muss sich dem Menschen anpassen und nicht umgekehrt.

Normen und Gesetzmäßigkeiten sollen trotzdem erhalten bleiben um die Essenz des Yoga zu bewahren.

2. Das Yogasῡtra des Patañjali bildet die Basis für das Lernen und Lehren im YOGAWEG.

Das Yogasῡtra ist der älteste und umfangreichste Quelltext des Yoga. Die Ideen des Yogasῡtra zu studieren, im eigenen Üben umzusetzen und im Yoga-Unterricht anzuwenden, bildet den notwendigen Kontext, um mit der Essenz des Yoga verbunden zu sein.

3. Die spirituellen Wurzeln des Yoga beizubehalten ist ein wichtiger Faktor im YOGAWEG.

Sonst könnte Yoga eine Übung werden, die das auf Vorteil basierende Konsumdenken – die Ursache der meisten unserer Beschwerden – weiter fördert.
Yoga hilft. Und das ist ein guter Grund, Yoga zu üben. Dennoch bleibt es die zentrale Haltung, Yoga nicht wegen seiner mittelfristigen Ergebnisse zu üben, sondern als eine Verbindung aus Verantwortungsgefühl, Selbstreflektion und Freiheit von eigennützigen Gedanken. Diese geistige Grundhaltung des Yoga dient dem sozialen sowie dem persönlichen Wohlergehen.

4. Prāṇa – Atem

Beim Yogaweg spielt der Atem die zentrale Rolle. Die Atemqualität sollte sich im Laufe einer Übungseinheit und im Laufe der Zeit verbessern. Das Maß jeder Bewegung, jeder Haltungsanpassung ist der Atem. Die Regeln für den Körper werden dem Atem untergeordnet, weil der Atem viel unmittelbarer und feiner anzeigt, was für den Menschen passend und förderlich ist. Wenn der Atem ruhig fließt, fließt Prāṇa ruhig. Prāṇa, die allen Lebensfunktionen zugrundeliegende Energie, regelt alle körperlichen und geistigen Funktionen.\r\nYoga üben heißt, eine harmonische Zusammenarbeit von Körper und Geist mit Hilfe des Atems wiederherzustellen.

5. Rezitation

Die Rezitation von vedischen Mantras ist als Teil dieser Tradition weit verbreitet. Dies ist allerdings kein zwingender Bestandteil des Yogaweges und kann von Menschen, die aus kulturellen oder anderen Gründen damit Schwierigkeiten haben, auch weggelassen werden.
Wer Mantras in seine Praxis integrieren möchte, kann dabei folgende Werte des Rezitierens für sich entdecken:

  • Dem Atem mehr Raum zu geben.
  • Die Stimme zu schulen und die eigene Entwicklung dadurch zu fördern.
  • Was ausgesprochen wird, kann zur Realität werden.
  • Die Momente der Stille zwischen den Zeilen und nach manchen Silben sind Momente der Ruhe, die Stille vermitteln. Stille in Verbindung mit Klang zu erleben hat etwas Erhebendes, das allein mit Atem und Stille nicht möglich ist.

Neben der Rezitation von Mantras hat das Rezitieren auch einen wichtigen Platz beim Studium von Yogatexten. Die Text-Rezitation von Schriften wie z.B. dem Yogasῡtra unterstützt die Verinnerlichung der Textinhalte.
Sanskrit hat eine eigene Magie und wirkt nicht nur durch die Bedeutung, die den Worten zugeordnet ist, sondern auch durch den Klang selbst. Wer sich mit dem Thema Rezitation beschäftigt, für den gilt: Die richtige Aussprache ist von großer Bedeutung und sollte gut trainiert werden.

6. Der Körper als Tempel

Im Yoga wird der Körper als Tempel gesehen, der ein Schrein ist für etwas Ewiges. Dies bedeutet einerseits, dass wir uns mit der Yogapraxis intensive Mühe geben, diesen Tempel gut zu erhalten. Andererseits wird dieser Tempel vergehen. Der Körper ist ein Verfallsobjekt und wird ein solches bleiben. Dies im Bewusstsein zu halten, kann verhindern, dass eine Vernarrtheit in den Körper uns vom Wesentlichen ablenkt. Das, womit sich der Geist beim Üben verbinden sollte, ist das Ewige, das Endlose, das diesem Schrein innewohnt (Yogasῡtra 2.47: ananta samāpatti).